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Ist der mentale HEALTHstyle der neue LIFEstyle?

Der nächste (zeitlose) Trend: mental Healthstyle - keinesfalls jedoch verstanden als Luxusgut, welches soziale Ungleichheit manifestiert. Mental Healthstyle darf sich trendy, sexy und gut anfühlen. Mehr noch: es sollte das “must have”Gefühl erzeugen, um intrinsische Motivation und einen pfleglichen Umgang mit sich selbst zu fördern.



Kürzliche, morgendliche Abschiedsszene meines im Management eines Telekommunikation-konzerns beschäftigten Mannes: “Schatz, ich habe heute einen Termin zum Gesundheits Check up: Belastungs EKG, Ultraschall der Organe, großes Blutbild… alles inklusive, alles am Arbeitsplatz und der Arzt hat täglich nur zwei Patienten, um sich wirklich Zeit nehmen zu können.” Mein Gedanke: Könnte dies ein Beispiel für Healthstyle als Employer Branding sein?


LIFEstyle auf den 1. Blick

Sprechen wir von Lifestyle, so assoziieren wir diesen Begriff meistens mit Hedonismus, Luxus und Konsum. Aufgrund seiner Verwendung im Marketing denken wir an Hochglanz-magazine, je nach Geschlecht an einen Porsche 356B, die Kelly Bag von Hermés oder wir stellen uns vor, wie wir während unserer nächsten Fernreise ein hippes Kaltgetränk am weißen Instagram-Sandstrandmit unter blauem Himmel schlürfen. Eingestehen muss ich an dieser Stelle, dass ich als AutorIN den Lifestyle Begriff aus der weiblichen Perspektive und vor dem Hintergrund eines bestimmten sozioökonomischen Status heraus interpretiere. Aber ganz unabhängig davon wird in der umgangssprachlichen Verwendung des Begriffes nur selten daran gedacht, dass er soziologische, individualpsychologische als auch medizinische Phänomene beschreibt. Auch ist uns meist nicht bewusst, dass der jeweilige Lifestyle eines Menschen genutzt wird, um entweder die soziale Distanz zwischen den jeweiligen diesen Stil Pflegenden zu verringern oder gegenüber anderen zu vergrößern und damit unsichtbare Schranken errichtet werden. Es geht also auch um Gefühle von Zugehörigkeit und Identifikation auf der einen Seite und um Ab- und sogar Ausgrenzung auf der anderen Seite.


LIFEstyle auf den 2. Blick & das deutsche Wort "Lebensstil"

Um ein umfassenderes Verständnis für den Lifestyle Begriff zu erhalten und sich der Frage zu nähern, ob Healthstyle als It piece zum neuen Lifestyle avanciert, möchte ich eine allgemeine Definition für die soziologische Verwendung des deutschen und eher nüchtern klingenden Wortes Lebensstil von Stefan Hradli heranziehen: „Ein Lebensstil ist […] der regelmäßig wiederkehrende Gesamtzusammenhang der Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbestände und bewertenden Einstellungen eines Menschen“. Aus tiefen-psychologischer Perspektive lässt sich nach Alfred Adler sogar ergänzend sagen, dass der Lebensstil als Ausdruck der individuellen Auseinandersetzung des Menschen schon in seiner frühen Kindheit mit seinen angeborenen Anlagen und den umweltbedingten Anforderungen seines Lebens verstanden werden kann.

Das hat dann so gar nichts mehr mit Luxus und Hochglanz zu tun. Vielmehr spricht es für die allgemeine Relevanz, sich mit seinem Lifestyle, nämlich mit seinem Verhalten, Meinungen, mit seinem Wissen und sich mit seinen frühen Anlagen auseinander zu setzen.

Insbesondere in Bezug auf Gesundheit wird deutlich: Wenn Lifestyle auch dazu dient, sich von einer Gruppe abzugrenzen und es das eigene Verhalten sowie auch Meinungsbildung betrifft, dann darf Healthstyle als Lifestyle keinesfalls nur einer privilegierten Gruppe zugänglich sein oder sogar unsichtbare Schranken errichten. Auf politischer und medizinischer Ebene wird dem Bereich des gesunden Lifestyles z.B. durch den Aktionsplan Gesundheitskompetenz Aufmerksamkeit geschenkt oder dadurch, dass der Arzt seinem Patienten eine Änderung des Lebensstils in Form von Ernährung, Bewegung, Schlafverhalten rät. Weder die Konfrontation mit Zivilisationskrankheiten durch meinen Hausarzt, während ich mir meine Antibiotikadosis gegen den saisonalen Infekt abhole, noch das Papier der Bundesregierung, von welchem im Zweifel jenseits des Studiums der sozialen Arbeit überhaupt gehört habe, klingen nach Porsche, Hermes Handtasche oder Fernreise.


Ist HEALTHstyle wirklich unsexy?

  1. im Großteil der Bevölkerung so, wie wir heute darüber sprechen, mit Sicherheit ja

  2. für eine bestimmte soziale Schicht mit Sicherheit nein

Ich fange mit zweitens an. Im Jahr 2000, erstmals in den USA erforscht, trafen wir auf eine Bewegung namens LOHAS (nach engl. Lifestyles of Health and Sustainability). Das Akronym bezeichnet Personen, die einen Lebensstil pflegen, der von Gesundheitsbewusstsein und -vorsorge sowie der Ausrichtung nach Prinzipien der Nachhaltigkeit geprägt ist. Häufig handelt es sich um Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen, bei denen es sich sogar um Vertreter eines grundlegenden Wertelwandels handeln könnte. LOHAS sind beispielsweise Natur- und Outdoor-Urlauber, Kunden von Bioläden und ihre Motive ähneln denen der Slow-Food Bewegung. Außerdem vereinen sie Technik- und Naturbezogenheit, Individualität und Gemeinsinn, Genuss, Verantwortung und zahlreiche andere Werte-orientierungen.

Innerhalb eines bestimmten Personenkreises, haben die Wollsocken tragenden Yoga Frauen mit achselwüchsigem Haar abgedankt. Meditiation hat die esoterische Sphäre verlassen und zieht in die Chefetagen ein. Sogar Apps säuseln uns am Abend den Stress von der Seele, Smartwatches erinnern uns daran zu atmen und in den mit höhenverstellbaren Schreibtischen bestückten Co-working Spaces gibt es mindestens einen Apfelbeauftragten, der die Vitaminzufuhr der agilen Talents sicherstellt. Hier ist Healthstyle als Lifestyle angekommen, bietet Menschen die Möglichkeit sich über seinen Lebensstil zu definieren und über Zugehörigkeit Sicherheit zu gewinnen. Unternehmen nutzen diesen Trend bereits um die Loyalität ihrer Mitarbeiter zu sichern. So auch die meines fröhlich aus der Tür spazierenden Mannes, auf dem Weg zum Gesundheits Check up.


LIFEstyle und das Image Problem der mentalen Gesundheit

Gleichzeitig besteht weiterhin eine riesen Hemmschwelle in Bezug auf mentale Gesundheit. Diese scheint nach wie vor ausgeklammert zu sein, obwohl eine stetige Zunahme seelischer Erkrankungen nachweisbar ist. Unternehmen schöpfen ihre Budgets für das betriebliche Gesundheitsmanagement nicht aus. Und wenn doch fließen Gelder weitestgehend in Physio Produkte. Ganz langsam schafft es auch die Achtsamkeit auf den Markt, aber wenn es um tiefer verstandenen Healthstyle in Bezug auf unser wertvolles Gut -unsere Psyche- geht, dann scheint dies auf unternehmerischer Seite große Unsicherheiten auszulösen. Was passiert mit meinen Mitarbeitern? Macht man da nicht ein riesen Fass auf? Könnten wir dadurch erst Probleme erschaffen, die unsere Leistungsfähigkeit beeinträchtigt? Und auch im privaten Bereich hat mentale Gesundheit ein Image Problem, was sicherlich auch an mangelhafter Aufklärung und verstaubten Kommunikationskanälen liegt. Was macht der Therapeut, den mir Google nicht zeigen kann und wenn ich doch auf eine Homepage geleitet werde dann begrüßt mich auf der in Erdtönen gestalteten Startseite mindestens ein Bild von einem Baum, mit mir? Und (kürzlich selbst in meiner Praxis gestellte Frage) haben Psychologen nicht selbst einen an der Mütze?


Wir sehen aber, die meisten Menschen scheitern in der Gesundheit ihres Körpers an der Krankheit ihres Geistes!

Mental HEALTHstyle - ein erster Blick in die Zukunft

Die psychische Gesundheit hat es noch nicht in den Lifestyle Sektor geschafft. Wir sehen aber, die meisten Menschen scheitern in der Gesundheit ihres Körpers an der Krankheit ihres Geistes! Wenn wir mental Healthstyle verstehen, als den auf unsere Psyche gerichteten Gesamtzusammenhang der Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbestände und Einstellungen wird deutlich, hier verbirgt sich ein riesiges Potenzial. Vielleicht sogar ein Wertewandel und die Etablierung neuer, trendiger Jobs wie den CHO Cief Heart Officer. Sich über eine starke Identität und Psyche zu definieren und sich zugehörig zu fühlen sollte der nächste, zeitlose Trend sein. Keinesfalls jedoch verstanden als Luxusgut, welches soziale Ungleichheit manifestiert. Und dennoch darf sich mental Healthstyle trendy, sexy und gut anfühlen. Mehr noch: es sollte das “must have”Gefühl erzeugen, um intrinsische Motivation und einen pfleglichen Umgang mit sich selbst zu fördern. Meinen mentalen Healthstyle werde ich jedenfalls pflegen wie den guten Porsche oder die Hermés Handtasche.



coming-up: Die Bedeutung von Healthstyle in Bezug auf die mentale Gesundheit.


Foto Credit: Unsplash, Finn Jup

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